Maher-Besuch Anfang 2026 – Bericht von Amelie Höring

Es war eine Hochzeit, die mich diesmal nach Pune brachte: Die Hochzeit von Antonys und Sherlys Tochter Thalita.

Sherly leitet das Heim Vadsalyadam, ein Heim für Kinder und geistig beeinträchtigte Frauen. Sie und Antony waren im vergangenen Mai in Hartheim, Wien und Salzburg.

Als ich sie vor 31 Jahren kennengelernt habe, war Thalita ein entzückendes Baby von ein paar Monaten. Inzwischen ist aus ihr eine ausgenommen hübsche, selbstbewusste Frau geworden, die ein Chemiestudium abgeschlossen und an der Uni unterrichtet hat. (Die Ehe wurde übrigens – wie in Indien üblich – von den Eltern arrangiert und die Brautleute waren zum Zeitpunkt der Hochzeit sichtlich über beide Ohren verliebt.)

Das heißt – mein Aufenthalt begann mit einer Hochzeit. Nicht einer, sondern drei! Nach einem ungemein herzlichen Empfang im Maher-Büro in Pune war am nächsten Tag in Vadhu Budruk, dem ersten Maherheim, eine Doppelhochzeit im hinduistischen Ritus. Jeweils eine Person des zukünftigen Ehepaars war in Maher aufgewachsen. Die Bräute trugen den üblichen roten Sari mit breiter Goldborte und waren ebenso wie ihre Partner reich geschmückt. Teil der Zeremonie ist, dass ein Schleier zwischen den beiden Partnern gehalten und schließlich entfernt wird. Mit dem siebenmaligen Umrunden des Feuers – vier Mal führt der Mann drei Mal die Frau – war die Trauung vollzogen.

Am Abend dieses Tages begann dann Thalitas Hochzeit – ebenfalls in Vadhu Budruk – mit dem Abschied der Braut von ihrer Familie. 50 Angehörige hatten die lange Reise von Kerala auf sich genommen und waren anwesend. Der Abend war berührend. Er begann mit dem Segen und Gebeten der engsten Angehörigen und endete mit fröhlichen Tänzen.

Die kirchliche Trauung (die Uvaris sind katholisch) war am darauffolgenden Nachmittag. Diesmal trug die Braut keinen Sari, sondern ein weißes Brautkleid, der Bräutigam Anzug. Danach trafen sich ca. 700 Gäste zu einem rauschenden Fest mit Live Band, Tanz und üppigem Büffet in einer Event Location. Es war märchenhaft und Bollywood like!! – Als ich im Nachhinein Fotos von einem Leoparden sah, der einige Wochen davor genau durch diese Location gestreift war, hat das die Faszination für mich noch erhöht.

 

Tag 3:  Fest im Garten und auf der Straße vor Thalitas Elternhaus. (Die Nachbarn waren alle informiert und unsichtbar geblieben, die Kinder mit Süßigkeiten bestochen …)

 

Danach kam ein Wettkampftag „Family Sports Day“ von Maherkindern und -jugendlichen in Vadsalyadam. 250 hochmotivierte Jugendliche wurden in Bussen hergebracht, kämpften um Sieg oder Niederlage und wurden an Ort und Stelle verköstigt. Der Kochtopf fasste den Inhalt einer Badewanne: 30 kg Hühnchen, 50 kg Reis, doppelte Menge Flüssigkeit. Das Paar, das das Essen gesponsert hatte, war zum Fest gekommen. In seiner Rede zu den Jugendlichen erzählt der Mann, dass er selbst in Maher aufgewachsen ist und von Sr. Lucy die Liebe zu allen Lebewesen gelernt hat. Das Paar betreibt jetzt eine Auffangstation für verletzte Straßenhunde in Pune. (Üblicherweise ist das Essen in Maher vegetarisch. Nur zu besonderen Anlässen, wie eben an diesem Tag oder auch am Maher Day, gibt es Fleisch.) Gekocht wurde auf drei Steinen auf offenem Feuer gleich neben dem Sportplatz, der mit den Farben Indiens, grün weiß orange geschmückt ist. Der Tag endete mit der Preisverleihung.

Vadsalyadam ist das Haus für Frauen und auch Kindern, die vom Maher-Team irgendwo am Straßenrand am Stadtrand von Pune obdachlos und verwahrlost gefunden wurden. Sherly leitet das Haus seit einigen Jahren mit viel Hingabe, Liebe und Gespür. Die Anlage ist ca. 2 ha groß. Es gibt zahlreichen Obstbäumen (Mango, Papaya, Jackfruit…) und einem großen Gemüsegarten in dem die Frauen je nach ihren Fähigkeiten mitarbeiten. In einem sehr großen Brunnen haben zahlreiche Webervögel ihre Nester gebaut und sind so vor Fressfeinden sicher. Auf dem Areal stehen zahlreiche Häuser (Haupthaus mit Büro und Gemeinschaftssaal, Küche, Wäscherei, Produktion, Verkaufsraum, Unterkünfte…), die nach und nach entstanden sind.

 

Am 31. 1. war der „Interfaith Dialogue“ in Vadhu Budruk, dem ersten Maherheim. Alle waren da: die Angestellten, die „Housemothers“ und die Kinder bzw. Jugendlichen. Fünf Geistliche verschiedener Religionsgemeinschaften und eine katholische Ordensfrau waren gekommen um gemeinsam zu beten. Nicola Pawar vertrat den Vorstand. Obwohl sich die Veranstaltung über Stunden hinzog, blieben alle andächtig und mustergültig ruhig eng beisammen am Boden hockend. Nach der Meditation wurde gemeinsam im Hof – weiterhin wie üblich am Boden sitzend – gegessen_“family dinner“ eben. Das drückt es sehr gut aus: Alle Religionen werden gleich geschätzt, keine bevorzugt.

 

Am 1. 2. wurde der 29. Gründungstag von Maher gefeiert. Üblicherweise mit ca. 2000 geladenen Gästen aus der Politik, dem großen Spender- und Wohltäterkreis, den Freunden, dem Vorstand und vor allem vielen BewohnerInnen der umliegenden Maherheime. Auf Grund des unerwarteten Todes eines hohen Politikers und auch nahen Angehörigen von Nicola Pawar (es war Staatstrauer in Maharashtra) blieb das Fest in „kleinem Rahmen“. Die anwesenden Ehrengäste wurden mit Stolen und Topfblumen beschenkt. Nach der Rede vom Vorstandsvorsitzenden und den Ehrungen diverser MitarbeiterInnen gab es Tanzvorführungen – hinreißend von den Kindern und Jugendlichen dargeboten – zutiefst berührend von den beeinträchtigten Frauen und Männern. Was mich besonders beeindruckt ist, wie diese Menschen nicht nur versorgt und betreut werden, sondern wie sie eingebunden sind in den täglichen Ablauf. Sie werden in erster Linie nicht nur als PatientInnen wahrgenommen – sie arbeiten mit: in der Küche, der Wäscherei, im Garten, tragen Babys herum …und treten beim Fest ganz selbstverständlich auf und bezaubern mit ihrem überaus koketten Tanz.

Wie in Indien üblich endet der Maher Day mit einem Festmahl für alle. Sr. Lucy war zum ersten Mal am Maher Day und beim Interfaith Dialogue nicht dabei. Sie war in ihrer Heimat Kerala, wo ihr Schwager wenige Tage nach der Rückkehr von Thalitas Hochzeit verstarb. Zeitgleich verschied auch Antonys Mutter, die Großmutter Thalitas, im 102. Lebensjahr. Sie war die letzten 10 Lebensjahre liebevoll von Sherly, Antony und den Kindern umsorgt worden. Wie in Indien bei Christen üblich, wurden beide Verstorbenen am Tag nach dem Tod beigesetzt; Aya in jenem grünen Sari, den ihr Sr. Lucy für Thalitas Hochzeit geschenkt hatte.

 

Laut ursprünglichem Plan hätte unsere kleine Gruppe, bestehend aus Chandani (eine deutsche Freundin Sr. Lucys) David Kranzelbinder, Fotograph und Kameramann aus Graz, Sr. Lucy und mir, Amelie Höring, drei weitere Maherheime besuchen sollen. Die Todesfälle machten aber einen Strich durch diese Planung. Sr. Lucy, die Umstände bedingt in Kerala war, wurde von Hirabegum  vertreten.

Das erste der besuchten Heime war Satara, ein, wie Hira sagte, „Fünf Sterne Hotel“, das von einer indischen Company für Maher gebaut wurde. Ein architektonisch sehr ansprechendes Gebäude. Satara ist ein kleiner Ort, das Haus hat einen großen verwilderten Garten und abgesehen vom Bau ist alles ländlich geprägt. Hier leben sowohl Seniorinnen, Frauen mit besonderen Bedürfnissen als auch Mädchen – insgesamt 72 Personen. Der erwartete Besuch von Sr. Lucy wurde genau wie in den beiden weiteren Häusern zum Anlass genommen Maher Day zu feiern. Wieder wurden in bunten Kleidern Tänze aufgeführt, aber anders als davor gab es anschließend Tanzmusik und alle, einschließlich der Sozialarbeiterinnen, tanzten begeistert mit bis das Licht ausging – Stromausfall – Abendessen bei Kerzenlicht.

Am Tag danach trennten wir uns. Ich kehrte für die Beerdigung zurück und die anderen fuhren zu den weiteren zwei Heimen:

Miraj ist ein Haus, das ein katholischer Priester Maher geschenkt hat. Es befindet sich im Slum der Stadt Miraj und beherbergt 25 geistig beeinträchtigte Frauen. Es wird von einem ehemaligen Maherkind, der Sozialarbeiter geworden war, geleitet.

In Ratnagiri gibt es verschiedene Projekte: dort leben geistig beeinträchtigte Männer, ebensolche Frauen, Seniorinnen, HIV infizierte Frauen mit ihren Kindern und es gibt ein Heim für junge studierende Mädchen. Zurzeit leben dort ca. 200 Personen. Einige der dort Beschäftigten waren selbst Maher-Kinder.

Sie alle haben den Besuchern einen sehr freundlichen Empfang geboten.

 

Nach dem Besuch dieser drei Heime traf sich die komplette Gruppe wieder in Goa, wo Sr. Lucy zur Hochzeit einer langjährigen Maher-Spenderin eingeladen war.

Vier Hochzeiten und zwei Todesfälle – es war eine volle Zeit. – Und ich kann allen nur empfehlen, hierher zu kommen und sich von der Maher-Familie anstecken zu lassen.

(Amelie Höring im Februar 2026)

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